Die Vergessenen

Ein Podcast von Kerstin Przygodda

OHNMACHT

Welches Verbrechen lohnt sich? Wer ist froh, dass er noch lebt, und wer hat mir die Freiheit genommen?

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Am 20.5. ist Prostata-Tag. Berühmte Fußballer und Schauspieler bekennen sich zu Erektionsstörungen, die Pornoindustrie tritt in Talkshows auf……….

Es scheint so, als ob es kein Tabuthema mehr gibt. Wenn eine Frau aber sagt: “Ich wurde vergewaltigt”, ist das der totale Gesprächskiller.

Die Vorurteile, die Schuldzuweisungen, wenn es um Vergewaltigungen geht, haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht geändert. Die Dunkelziffer bei Vergewaltigungen ist gleichbleibend hoch. Selbst ich habe überlegt, ob meine Geschichte, ein Thema für einen Podcast ist. Was für ein Scheiß!!!!

Jede 7. Frau in Deutschland wurde schon mal Opfer sexueller Gewalt, im strafrechtlichen Sinne:

Nach dem Strafgesetzbuch (StGB) § 177 liegt eine “Vergewaltigung” vor, wenn jemand eine Person zu einer sexuellen Handlung zwingt und mit einem Körperteil oder einem Gegenstand in eine Körperöffnung dieser Person eindringt und dabei Gewalt anwendet, gefährliche Drohungen ausspricht oder eine hilflose Lage ausnutzt.

Wem das widerfahren ist, spricht nicht gerne darüber und wenn man darüber spricht, trifft man auf schweigen, auf Fragen, ob man sich nicht hätte wehren können und ob man die Vergewaltigung nicht selbst provoziert hätte. Oder auf Männer, die, die Geschichte erregt.

Männer sprechen offen über Vergewaltigung, in Songtexten deutscher Rapper ist sie so normal wie Frauen, die in Musikvideos diskriminiert werden. Wenn eine Frau in den Augen einiger Männer „zickig“ ist, gehört sie mal ordentlich durchgevögelt. Und wer hat nicht schon mal das Wort „Vergewohltätigt“ gehört.

Selbst im Internet, sind die Informationen zu diesem Thema sehr beschränkt, wenn, dann findet man sie auf medizinischen Seiten. Und natürlich auch auf den Seiten der „Notrufe für vergewaltigte Frauen“. Ohne ihre Arbeit, die in der Regel ehrenamtlich ist, ständen betroffene Frauen ganz alleine da.

Buchtipps:

Susan Brownmiller “Gegen unseren Willen

Susan J. Brison: “Vergewaltigt

 
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Juni 17th, 2007 Posted by Kerstin | Privat, Gesellschaft | 14 Kommentare >>



14 Reaktionen zu “OHNMACHT”

  1. Michael

    Hallo Kerstin
    Mir fehlen gerade die Worte. Diese Folge hat mich sehr mitgenommen. Ich habe heute mal einen Podcasttag eingelegt und einige ungehörte Folgen von Hoppes Welt und Radio Brennt angehört, die jetzt nicht wirklich für ihre Ernsthaftigkeit bekannt sind. Und dann lädt iTunes diese Folge von Dir runter und ich bekomme diese heftige Folge zu hören, die mich sehr nachdenklich gemacht hat. Mich erstaunt, dass Du so offen der Welt erzählst, dass Du vergewaltigt wurdest. Aber andererseits ist es auch wichtig, dass man darüber nicht schweigt, sondern sich der Problematik bewusst ist. Was mich aber am meisten erschreckt hat war die Tatsache, dass der Typ dann schlussenlich freigesprochen wurde weil Du keine Kraft mehr hattest, Deine Aussage entsprechend zu machen. So von weitem und als Unbeteiligter redet es sich leicht. Aber wurmt es Dich nicht, dass der Typ für das, was er Dir angetan hat, nun ungestraft durchs Leben geht? Ich weiss nicht, ob ich damit leben könnte.

  2. Kerstin

    Hallo Michael,

    ich habe mir wirklich auch Gedanken darüber gemacht, ob das ein Thema für meinen Podcast ist, so gefangen ist man schon in dem allgemeinen Schweigen.

    Der Prozess ist für viele Vergewaltigungsopfer auch noch einmal eine Form der Gewalt, zuerst muss man die Beweisaufnahme durch die Polizei über sich ergehen lassen. Dann, im Verfahren sind die meisten Richter der Meinung, dass das Opfer in der Gegenwart des Täters aussagen muss.

    Obwohl die Polizei schon ein Protokoll hat, muss die Frau die Vergewaltigung noch mal schildern und die Fragen beantworten, darauf muss man sich sehr gut vorbereiten, vor dem ersten Prozess hat das Tage gedauert.

    Da, wie bei mir, in vielen Verfahren Aussage gegen Aussage steht, versucht der Anwalt des Vergewaltigers dich in den Dreck zu ziehen, dich unglaubwürdig zu machen.

    Die Frauen vom Notruf und auch die Anwältin haben mich darüber aufgeklärt, wie solche Prozesse ablaufen, aber dass es so schlimm werden könnte hatte ich damals nicht geahnt.

    Als ich mich geweigert habe im Revisionsverfahren “vernünftig” Auszusagen, war mir klar, dass er wahrscheinlich deswegen freigesprochen wird.

    Damals war diese Endscheidung richtig für mich.

    Für mein Leben war wichtig, dass er einmal Verurteilt worden ist.

    Nach der Urteilsverkündung, konnte ich an ihm vorbeigehen und ich hatte nicht mehr soviel Angst.

    Als das zweite Verfahren angekündigt wurde, hat das mein Leben schon wieder schwer gemacht, ich konnte mal wieder nur in Begleitung aus dem Haus, normale Tätigkeiten wie z.B. Einkaufen wurden zu Qual.

    Ich hatte mein Urteil schon, die Rache brauche ich nicht.

    Nur der Gedanke, dass er in den zwei Jahren, die er wahrscheinlich hätte absitzen müssen, weiter Frauen vergewaltigt, hat mich oft nicht schlafen lassen.

    Kerstin

  3. Matthias

    Liebe Kerstin,
    es braucht wohl solche erschütternden und mutigen Sendungen wie diese, um sich wenigstens ungefähr bewusst zu machen, wie grauenhaft es sein muss, Opfer einer Vergewaltigung zu sein. Fünf Stunden in der Hölle - so ähnlich muss das wohl sein!

    Aber nur, um das Unbestreitbare noch einmal deutlich zu betonen: Es trifft Dich nicht einmal ein Funken irgendeiner Schuld! Ganz im Gegenteil: Ich finde, wir schulden Dir alle Dankbarkeit, dass Du noch einmal zusätzliches Leid auf dich genommen hast, damit dieser Knilch überhaupt einmal verurteilt werden konnte.

    Matthias.

  4. Kerstin

    Hallo Matthias,

    noch nach so vielen Jahren habe ich Phasen in meinem Leben, in den ich die Vergewaltigung nicht aus dem Kopf bekomme. So war das auch in der letzten Woche. Dann hatten wir ein schweres Gewitter und ich konnte stundenlang nicht schlafen. In dieser Zeit ist das Konzept für die Sendung entstanden.

    Als die Sendung dann online war, hatte ich Angst vor dem Schweigen, das vielleicht folgen könnte, denn die Sprachlosigkeit und die Vorurteile existieren ja auch unter den Podcasthörern. Deshalb habe ich mich ja auch entschlossen in meiner Sendung darüber zu sprechen.

    Vielen Dank, dass Du Dich gemeldet hast. Das gibt mir Mut.

    Kerstin

  5. Niederfuchs

    Liebe Kerstin,
    Kommt bei Dir manchmal die Frage auf, ob dein Leben danach irgendwie signifikant anders verlaufen wäre, wenn Dir dieses Verbrechen erspart geblieben wäre…?
    Mir passiert das nämlich manchmal…

  6. Kerstin

    Hallo,

    natürlich wäre mein Leben anders Verlaufen. Aber die Vergewaltigung hat nicht mein Leben bestimmt!

    Zum Zeitpunkt der Vergewaltigung bin ich, mal wieder, zur Schule gegangen, die hatten selbstverständlich kein Verständnis dafür, dass ich wochenlang nicht zum Unterricht erschienen bin. Alleine die Schule zu betreten war ein Ding der Unmöglichkeit für mich, den Lehrern dann auch noch erklären, was mir zugestoßen ist? Niemals.

    Das mit der Schule ist dann doch noch gut gegangen.

    Aber ein Arbeitgeber hätte dieses Verhalten wahrscheinlich in keinem Fall akzeptiert.
    Eine Mitarbeiterin, die wochenlang nicht zu Arbeit kommt, und dazu auch noch Angst vor jedem Mann hat. Früher oder später führt so ein Verhalten zur Kündigung.

    Ich hatte das unheimliche Glück, dass meine Freunde mich in der Zeit danach aufgefangen haben, sie haben viele Sachen für mich geregelt.
    Sie haben geduldig zugehört. Mich beim Prozess unterstützt. Mir aber auch zum richtigen Zeitpunkt klargemacht, dass mein Leben noch nicht zu Ende ist.

    Sehr geholfen, hat mir auch der Kontakt mir anderen vergewaltigten Frauen.

    Meine positive Einstellung den Menschen, dem Leben und auch den Männern gegenüber, hat er mir auf die Dauer nicht nehmen können.

    Das ist, so glaube ich wenigstens, der Grund warum ich mein Leben weiterleben konnte.

    Danke für die Frage.

    Kerstin

  7. Bastian

    Danke für diese Folge und deine Offenheit.

  8. Michael

    Hallo Kerstin,

    dein Podcast hat mit gezeigt, daß ein Großteil der Männer ganz ganz ganz Versagen, wenn es um eine Kommunikationsebene geht, die mit Gefühl, Einfühlungsvermögen und Verständnis zu tun hat.
    Damit wir, trotz dieser lächerlichen Haltung, trotzdem die Oberhand behalten, flüchten wir uns in Abgeschlossenheit, Stärkespiele jeglicher Art und feigen Haltungen.

    Vergewaltigungen sind dann z.B. eine abgrundtiefe Äußerung dieses Zustandes.

    Ich bin froh darüber, daß ich durch deinen Podcast als Mann wieder ein Stückchen mehr reifen durfe.

    Danke

  9. Elena A.

    Ich war durch den Podcast auch total betroffen, und dass soviele Frauen, also jede 7., vergewaltigt wird, hätte ich nie gedacht.
    Ich finde es sehr wichtig, dieses Thema zu enttabuisieren, vllt werden dann mehr Opfer den Mut finden gegen ihre Täter auszusagen, und mehr Menschen Verständnis mit den Opfern haben.
    Ich hab auch noch eine Frage:
    Wieso wird nichts daran getan, Vergewaltiger länger zu verurteilen und gibt es irgentetwas, was man in diesem Thema gegen vergewaltiger und für Opfer tun könnte?
    Ich bewundere dich echt, dass du das alles so durchgestanden hast, und uns im Podcast berichten kannst.
    Elena

  10. Kerstin

    Hallo Elena,

    das perfekte Vergewaltigungsopfer ist Tod, oder körperlich so offensichtlich misshandelt, dass für jeden sichtbar ist, dass eine Straftat vorliegt. So sieht das die Polizei und auch große Teile der Gesellschaft.

    Nur so ist ein Opfer wirklich glaubwürdig, sonst steht die Aussage des Täters, gegen die der Frau.

    Die meisten Täter sagen aus, dass die Frau ihre Zustimmung gegeben hat, wenn sie z.B. blaue Flecken davongetragen hat, wollte sie es eben ‘härter’. Und die meisten Männer wissen ja auch: wenn eine Frau NEIN sagt meint sie eigentlich JA.

    Wenn ein Opfer es dann geschafft hat und war in der polizeilichen Beweisaufnahme so glaubwürdig, dass der Staatsanwalt Anklage erhebt, hat die Frau vor Gericht keine Rechte, sie ist nur Zeugin, sie muss in der Regel öffentlich und in Anwesenheit des Täters aussagen.

    Es ist schon eine erniedrigende Situation, wenn man vor Publikum gezwungen wird, jedes Detail der Vergewaltigung zu schildern.
    Da sitzen dann auch viele Spanner. So hat mich am Tag nach meiner Aussage Mann angerufen, der sich mit mir Treffen wollte, er hatte mich im Gericht gesehen, mein Name war ja auch öffentlich…..

    Wenn sich diese Verfahrensweise ändern würde, wäre es schon eine große Erleichterung für die Opfer.

    Am wichtigsten ist es aber tatsächlich, dass man darüber spricht und allen Frauen klar macht: DIE MÄNNER SIND DIE SCHULDIGEN.

    Dazu muss sich aber erst das Frauenbild in unserer Gesellschaft ändern, zurzeit sind wir ja wieder auf dem besten Weg dahin, die Frau als Lustobjekt zu etablieren.

    Es gibt weniger Vergewaltiger als Opfer, d.h. Vergewaltiger sind Mehrfachtäter, deshalb ist es auch so wichtig die Täter anzuzeigen, wenn das vor mir nicht schon eine Frau getan hätte, wäre meine Vergewaltigung nie Verhandelt worden.

    Übrigens:
    Im 2. Weltkrieg wurden in Deutschland 2 Millionen Frauen vergewaltigt,
    10-12% der Opfer wurden ermordet, starben an den Folgen oder haben Selbstmord begangen.

    Unsere Omas oder Uromas haben darüber auch geschwiegen.

    Kerstin

  11. Kerstin

    Hallo Michael,

    Du hast Recht, bei Vergewaltigungen geht es immer um Macht.

    Kerstin

    Hallo Bastian,

    Du hast ja mal ein Treffen der norddeutschen Podcaster angeregt.
    Aber mich mit fremden Männern vielleicht auch noch einen nicht öffentlichen Ort zu treffen, dass schaffe ich bis heute nicht.
    Deshalb habe ich mich bei Dir nicht gemeldet.

    Mein Vorschlag, ein norddeutsches Treffen bei mir.

    Kerstin

  12. Patrick

    Hallo Kerstin,

    das war der erste Podcast der mich so sehr mitgenommen hat. Allein die Vorstellung von dem was dir widerfahren ist ist schrecklich und ich kann mir daher kaum ausmalen was das für dich bedeuten muss.

    Am Anfang der Sendung fragte ich mich ob du eine oder ob du Deine Geschichte erzählst. Nachdem es immer klarer wurde, dass es Deine Geschichte ist war ich sehr erschrocken und eigentlich weiß ich auch jetzt noch nicht genau was ich sagen oder schreiben kann. Vielleicht ist das auch der Grund für das schweigen. Was kann man zu jemandem sagen der vergewaltigt wurde?

    Ich denke mal darüber nach,
    Patrick

  13. Kerstin

    Hallo Patrick,

    wenn eine Frau vergewaltigt wird, die Du kennst, findest Du bestimmt die richtigen Worte und das ist das Wichtigste.

    Kerstin

  14. Ines

    Hallo,

    ich bin durch Zufall auf diese Seite gestossen, weil ich nach Antworten suche. Antworten wie auf die Frage: wie lange haben andere Frauen mit diesen Erlebnissen zu kämpfen - was ist normales verhalten auch noch fast 20 Jahre und länger nach dem erlebten - wie gehen andere Frauen mit dem erlebten um und was haben sie erlebt.

    Kurze Info zu mir: Ich wurde zum 1. Mal mit knapp 9 Jahren missbraucht - der Täter wurde nie bestraft , das 2. Mal vergewaltigt mit 18 Jahren - ich war eins von 15 Opfern die sich meldeten, der Täter wurde verurteilt für 7 Jahre, kam nach 5 Jahren frei, vergewaltigte wieder, sass wieder ein kam wieder raus - bis heute immer das selbe Spiel -

    Vielleicht liebe Kerstin hast du einen Tip, wo man ernsthaft über unsere Probleme, Ängste- Sorgen etc. reden kann (schreiben kann) denn reden fällt mir bis heute schwer (bin nun mittlerweile fast 38)

    Ansonsten kann ich nur sagen - solche Dinge müssen auf jeden Fall mehr Publik gemacht werden und die Opfer sollten mehr “wirkliche” Unterstützung erhalten - nicht nur oberflächliches Gelaber wiie ich es selbst auch erlebt habe.
    Ich denke es ist für jeden, der es nicht selber erlebt hat schwer sich in uns hinein zu versetzen, aber es ist gut, wenn sich andere zumindest damit beschäftigen und versuchen zu verstehen

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